Schilddrüsenunterfunktion: Symptome bei Frauen
Eine Unterfunktion macht bei Frauen dieselben Beschwerden wie bei Männern — und einige mehr, die mit Zyklus, Schwangerschaft und Wechseljahren zusammenhängen. Genau diese Überschneidungen sind der Grund, warum sie so oft lange unerkannt bleibt.
Warum die Unterfunktion eine Frauenerkrankung ist
Die Zahlen sind eindeutig: Frauen erkranken fünf- bis zehnmal häufiger an einer Schilddrüsenunterfunktion als Männer, und die häufigste Ursache in Ländern mit ausreichender Jodversorgung ist die Hashimoto-Thyreoiditis — eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse langsam abbaut. Autoimmunerkrankungen insgesamt treffen Frauen deutlich häufiger; die Gründe werden in den Geschlechtshormonen, im X-Chromosom und in Eigenheiten des weiblichen Immunsystems gesucht und sind nicht abschließend verstanden. Sichtbar sind zwei Gipfel: in den Jahren nach Schwangerschaften und um die Wechseljahre. Beides sind Phasen, in denen Beschwerden ohnehin auf anderes geschoben werden — auf das Baby, auf das Alter, auf den Alltag.
Die Beschwerden, die alle haben
Eine Unterfunktion verlangsamt den Stoffwechsel, und das zeigt sich in allen Körpersystemen, unabhängig vom Geschlecht. Typisch sind Müdigkeit und Erschöpfung, die durch Schlaf nicht besser wird; Frieren und kalte Hände und Füße; Gewichtszunahme trotz unverändertem Essen; trockene Haut, brüchige Nägel, Haarausfall; Verstopfung; eine gedrückte Stimmung bis zur Antriebslosigkeit; Konzentrationsprobleme und der „Nebel im Kopf“; ein langsamer Puls; Muskelschmerzen und Steifigkeit; manchmal ein Kloßgefühl im Hals oder eine sichtbar vergrößerte Schilddrüse. Keine dieser Beschwerden ist für sich genommen typisch — jede hat ein Dutzend anderer Ursachen. Das Muster ist es, das auffällt, und das Muster sieht man erst, wenn man die Beschwerden nebeneinanderlegt. Der Symptom-Check fragt 22 davon in drei Minuten ab.
Was bei Frauen dazukommt
Zyklus
Schilddrüsenhormone wirken auf die Hormonachse, die den Zyklus steuert, und auf die Blutgerinnung. Bei einer Unterfunktion sind stärkere und längere Blutungen beschrieben, unregelmäßige Zyklen, seltener ausbleibende Blutungen. Starke Blutungen kosten Eisen — und ein Eisenmangel macht dieselbe Erschöpfung wie die Unterfunktion selbst, sodass sich zwei Ursachen überlagern und gegenseitig verdecken können. Ferritin gehört deshalb bei Frauen mit Erschöpfung fast immer mit auf das Blatt.
Kinderwunsch und Schwangerschaft
Eine unbehandelte Unterfunktion kann den Eisprung stören und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen; in der Schwangerschaft ist sie für Mutter und Kind relevant, weil das Ungeborene in den ersten Wochen vollständig auf die mütterlichen Hormone angewiesen ist. Die Leitlinien empfehlen deshalb, bei Kinderwunsch und in der Frühschwangerschaft die Werte zu prüfen, und bei bekannter Hashimoto den Bedarf engmaschig zu kontrollieren — er steigt oft schon in den ersten Wochen, und die Kontrollen liegen dann alle vier Wochen bis zur Mitte der Schwangerschaft. Wer L-Thyroxin nimmt und schwanger wird, hat damit einen Grund, sich früh zu melden, nicht erst beim ersten regulären Termin.
Nach der Geburt
Die postpartale Thyreoiditis ist die am häufigsten übersehene Form. Sie trifft etwa fünf bis zehn von hundert Frauen im ersten Jahr nach der Entbindung — deutlich mehr bei Frauen mit bekannten TPO-Antikörpern — und verläuft oft in zwei Phasen: erst eine vorübergehende Überfunktion mit Unruhe, Herzklopfen und Gewichtsverlust, dann eine Unterfunktion mit Erschöpfung, Stimmungstief und Frieren. Beides wird leicht als das gelesen, was es in dieser Zeit ohnehin gibt: wenig Schlaf, ein Baby, eine Wochenbettdepression. Bei den meisten Frauen normalisiert sich die Funktion innerhalb eines Jahres; bei einem Teil bleibt eine dauerhafte Unterfunktion. Anhaltende Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit nach der Geburt sind ein guter Grund, die Werte bestimmen zu lassen — auch wenn alle sagen, das sei normal.
Wechseljahre
Hier liegt die größte Überschneidung. Erschöpfung, Gewichtszunahme, Stimmungstief, Haarausfall, trockene Haut, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme — die Liste der Wechseljahresbeschwerden ist fast deckungsgleich mit der einer Unterfunktion, und beides kann gleichzeitig zutreffen. Über die Beschwerden lässt sich das nicht auseinanderhalten. Über die Werte schon: TSH, fT4 und fT3 für die Schilddrüse. Wer um die Wechseljahre neue oder deutlich stärkere Beschwerden hat, für den ist eine Schilddrüsenkontrolle eine naheliegende Bitte an die Praxis — und wer eine Hormonersatztherapie beginnt, sollte wissen, dass Östrogene den Bedarf an L-Thyroxin verändern können, weil sie das Bindungseiweiß im Blut erhöhen.
Warum sie so lange unerkannt bleibt
Drei Dinge kommen zusammen. Erstens sind die Beschwerden unspezifisch und schleichend — man gewöhnt sich an Müdigkeit, die über Monate zunimmt. Zweitens fallen sie in Lebensphasen, die selbst Erklärungen liefern: das Baby, der Job, die Wechseljahre, das Alter. Drittens werden Beschwerden von Frauen in der Sprechstunde nachweislich häufiger auf Psyche oder Lebensumstände zurückgeführt, bevor an eine körperliche Ursache gedacht wird. Das ist keine Anklage gegen einzelne Praxen, sondern ein bekanntes Muster — und es ist ein Argument, mit einer Liste statt mit einem Gefühl in den Termin zu gehen.
Ich bin ein Mann und habe trotzdem achtzehn Jahre mit Werten „im Normbereich“ und Beschwerden gelebt, die niemand zusammensetzte. Bei Frauen kommen die Überlagerungen aus diesem Text noch dazu. Was in beiden Fällen hilft, ist dasselbe: die Beschwerden aufschreiben, mit Datum, über Wochen — und im Termin einen Verlauf vorlegen statt einer Erinnerung.
Was daraus folgt
Wenn mehrere der genannten Beschwerden über Wochen anhalten, ist eine Bestimmung von TSH, fT4 und fT3 eine berechtigte Bitte — zusammen mit Ferritin, wenn die Regelblutung stark ist. Nach einer Geburt, bei Kinderwunsch und um die Wechseljahre gilt das besonders, weil die Beschwerden dort am leichtesten auf anderes geschoben werden.
Dieser Text beschreibt Beschwerden, keine Diagnose. Ob eine Unterfunktion vorliegt, zeigen Blutwerte, und was daraus folgt, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt.
Häufige Fragen
Warum sind Frauen so viel häufiger von einer Unterfunktion betroffen?
Weil die häufigste Ursache, die Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunerkrankung ist — und Autoimmunerkrankungen treffen Frauen insgesamt deutlich häufiger. Die Gründe werden in Hormonen, im X-Chromosom und im Immunsystem selbst gesucht und sind nicht abschließend geklärt. In Zahlen: Frauen erkranken fünf- bis zehnmal häufiger als Männer, mit Gipfeln nach Schwangerschaften und um die Wechseljahre.
Kann eine Unterfunktion den Zyklus verändern?
Ja. Beschrieben sind stärkere und längere Blutungen, unregelmäßige Zyklen, seltener ausbleibende Blutungen. Der Mechanismus läuft über das Zusammenspiel der Hormonachsen und über die Gerinnung. Umgekehrt gilt: Ein veränderter Zyklus hat viele mögliche Ursachen, und die Schilddrüse ist nur eine davon. Ob sie es ist, zeigen Blutwerte, nicht die Beschwerde.
Unterfunktion oder Wechseljahre — wie unterscheide ich das?
Über die Beschwerden allein gar nicht: Erschöpfung, Gewichtszunahme, Stimmungstief, Haarausfall, trockene Haut, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme kommen bei beidem vor, und beides kann gleichzeitig zutreffen. Der Unterschied liegt in den Werten — TSH, fT4 und fT3 für die Schilddrüse. Wer um die Wechseljahre neue Beschwerden hat, für den ist eine Schilddrüsenkontrolle eine naheliegende Bitte an die Praxis, gerade weil die Bilder sich überlagern.
Was ist eine Schilddrüsenentzündung nach der Geburt?
Die postpartale Thyreoiditis trifft etwa fünf bis zehn von hundert Frauen im ersten Jahr nach der Entbindung. Sie verläuft oft in zwei Phasen — erst eine vorübergehende Überfunktion, dann eine Unterfunktion — und wird leicht als Erschöpfung durch das Baby oder als Wochenbettdepression gelesen. Bei den meisten Frauen normalisiert sich die Funktion innerhalb eines Jahres, bei einem Teil bleibt eine dauerhafte Unterfunktion. Wer in dieser Zeit anhaltend erschöpft, niedergeschlagen oder unruhig ist, hat einen guten Grund, die Werte bestimmen zu lassen.
Muss ich bei Kinderwunsch die Schilddrüse prüfen lassen?
Eine unbehandelte Unterfunktion kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und ist in der Schwangerschaft für Mutter und Kind relevant; die Leitlinien empfehlen deshalb, bei Kinderwunsch und in der Frühschwangerschaft die Werte zu prüfen — und bei bekannter Hashimoto den Bedarf engmaschig zu kontrollieren, weil er oft schon in den ersten Wochen steigt. Was für dich gilt, besprichst du mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt und der Praxis, die die Schilddrüse betreut.
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Verfasst von Olli
Gründer von Emivita · lebt seit 2007 mit einer Schilddrüsendiagnose · Betroffener, kein Arzt
Zuletzt geprüft am
Grundlage dieses Textes (4)
- Chaker L, Bianco AC, Jonklaas J, Peeters RP: Hypothyroidism. The Lancet 2017; 390(10101): 1550–1562.
- Krassas GE, Poppe K, Glinoer D: Thyroid Function and Human Reproductive Health. Endocrine Reviews 2010; 31(5): 702–755.
- Stagnaro-Green A: Approach to the Patient with Postpartum Thyroiditis. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2012; 97(2): 334–342.
- Alexander EK, Pearce EN, Brent GA et al.: 2017 Guidelines of the American Thyroid Association for the Diagnosis and Management of Thyroid Disease During Pregnancy and the Postpartum. Thyroid 2017; 27(3): 315–389.
Dieser Text gibt allgemeine Informationen und persönliche Erfahrung wieder. Er ersetzt weder Diagnose noch Behandlung — die Einordnung deiner Werte gehört in das Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.